Antifaschistischer Widerstand und
Arbeiterbewegung in Elmshorn

     
Von Dr. Jürgen Brüggemann
 
 
Die Industriestadt Elmshorn verfügte über eine gut organisierte Arbeiterbewegung. Die Parteien SPD, USPD und KPD, Gewerk-schaften, Arbeitersportvereine und andere Organisationen aus dem Arbeitermilieu waren in der Zeit zwischen 1918 und 1933 fest in der Elmshorner Bevölkerung verankert.
Der von profaschistischen Gruppen und von Nazis ausgehende Terror begann nicht erst 1933. Ebenso wenig setzte der antifaschistische Widerstand erst mit der Machtübertragung am 30. Januar 1933 ein. Beides durchzog die Geschichte der Weimarer Republik und hatte seine Wurzeln in den postrevolutionären Auseinandersetzungen 1919/20.

Terror und Verfolgung richteten sich vor 1933 in erster Linie gegen den gut organisierten und aktiven Teil der Arbeiterbewegung. Es waren die Teile, die die Novemberrevolution bis zur Sozialisierung der Produktionsmittel weiterführen wollten, die auch in Elmshorn mit dem Mittel des Generalstreiks die Republik gegen den Putsch von Kapp und Lüttwitz verteidigten und die für Fürstenenteignung und gegen den Panzerkreuzerbau eintraten. Aber auch die jüdische Bevölkerung Elmshorns geriet von Anfang an in das Visier der schwarzweißroten und braunen Feinde der Republik. So trat Bernhard Bruhn, der bereits in den 90er-Jahren des 19. Jh. als nationalkonservativer Antisemit bekannt war, im Juni 1919 auf einer Versammlung als antisemitischer Redner über die Verschwörung von Frei-maurern und Juden an die Öffentlichkeit.

Im Mai 1919 wurde, entsprechend der An-ordnung des Volksbeauftragten für Heer und Marine, des späteren Reichswehrministers Gustav Noske (SPD), auch in Elmshorn eine Abteilung der „Organisation Escherich (Orgesch)“, einer der einflussreichsten republikfeindlichen Selbstschutzverbände, durch Barthold Piening gegründet. Von Seestermühe bis Glückstadt entstand eine Anhäufung von Waffenlagern, die immer wieder durch Freikorpsverbände und „schwarze Reichswehr“ gegen die Republik und gegen die Arbeiterbewegung zum Einsatz kamen.
Anfang der 20er-Jahre sammelte sich um die Brüder Püttger die völkische Bewegung in Elmshorn. Paramilitärische Organisationen wie “Stahlhelm”, “Werwolf” und “Jungdeutscher Orden” führten Schieß- und Marschübungen durch. Die Keller der Strecker’schen Fabrik dienten als Waffenlager.Die späteren Nazis sammelten sich in Elmshorn in der „Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung“.


Blick in das Treppenhaus eines Zellentraktes im KZ Hamburg-Fühlsbüttel

Nachdem Strasser und der spätere Gauleiter Hinrich Lohse 1925 begannen, in Schleswig-Holstein die NSDAP aufzubauen, wurde auch in Elmshorn eine NSDAP-Ortsgruppe im späteren Parteilokal der NSDAP, Stüben, Norderstraße 12 (1933-45 Schlageterstr.) am 13. Juni 1925 durch Hermann Kober, erster Ortsgruppenleiter, Waldemar Stüben und Bernhard Bruhn gegründet.
1926 stießen Wilhelm Grezesch und Max Mohr zur Ortsgruppe. Grezesch baute sich zur zentralen Figur der faschistischen Bewegung in Elmshorn auf. Der spätere Haupt- und Obersturmführer der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ wurde Ortsgruppenleiter und mit den Worten von Mohr „der erste tatkräftige Führer“. Was mit „tatkräftig“ gemeint war, zeigte sich bald. Grezesch stellte 1927 den Elmshorner SA-Sturm auf und wurde 1931 mit der Aufstellung eines SS-Sturms für den Kreis Pinneberg betraut.

Bis zur Machtübertragung auf die Nazis konnte die SA die Zahl ihrer Angehörigen vervielfachen und die Angriffe auf Kom-munisten, Sozialdemokraten und Gewerk-schafter nahmen, trotz organisierter Gegenwehr, immer mehr zu. Es kam auch zu ersten antisemitischen Ausschreitungen gegenüber jüdischen Mitbürgern.
Bereits im Jahre 1932 begann die NSDAP auch in Elmshorn den Kampf um die Macht zu führen - der Naziterror eskalierte. Nach einer Reichspräsidentenwahl am 13. März 1932 bereiteten sich SA- und SS-Mitglieder offensichtlich auf einen bewaffneten Umsturz vor.


Zelle im KZ Hamburg-Fuhlsbüttel

In der Gaststätte Sibirien hatten sich 100 Nazis mit Munition einquartiert und warteten auf das Signal zur gewaltsamen Machtübernahme. Dieses Signal kam nicht; der Reichskanzler von Papen hatte bereits die Weichen anders gestellt. Am 20. Juli 1932 vollzog von Papen den Staatsstreich gegen die preußische Regierung, um mit Deutschnationalen und Nazis ein Kabinett zu bilden. Ein Vorwand für diesen Staatsstreich „von oben“ lieferte der Altonaer Blutsonntag.
Grezesch war mit dem gesamten Elmshorner SA-Sturm am „Altonaer Blutsonntag“ beteiligt. Eine Woche danach zogen die Nazis provozierend durch die Elmshorner Ollnsstraße, einem Arbeiterquartier, in dem überwiegend Antifaschisten (Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter) lebten.

Es kam zu schweren Zusammenstößen und zahlreichen Verletzten, als empörte Anwohner die Nazis aus ihrem Wohngebiet vertrieben. Unter den Verletzten war auch Grezesch, der später brutal Rache nehmen sollte.
In der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August detonierten in Elmshorn, Pinneberg, Uetersen und Barmstedt Handgranaten, von Nazis aus Autos und von Motorrädern geworfen. In Elmshorn wurde die Gastwirtschaft Schütterow in der Reichenstraße getroffen, ein beliebtes Arbeiterlokal, in dem auch das Büro der KPD untergebracht war. Auf die Menschen vor dem Lokal schossen die Nazis aus Pistolen. Koordinator auch dieser Aktion war Wilhelm Grezesch, der zwar wenig später zu Zuchthaus verurteilt wurde, den man aber schon im Dezember 1932 als nachgerückten NSDAP-Reichstagsabgeordneten aus der Haft entließ.(1)

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler vom Reichspräsidenten Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Viele Antifaschisten warteten jetzt auf einen gemeinsamen Aufruf aller Arbeiterparteien zum Generalstreik.
Doch der kam nicht, die SPD-Führung in Berlin und die Führung des ADGB verzichteten auf organisierte Abwehr. In Elmshorn jedoch kam es am 10. Februar 1933 zu einer großen gemeinsamen Aktion der Antifaschisten. Nachdem der Gewerkschaftssekretär und Sozialdemokrat Karl Dreyer von einem Nazi-Trupp brutal zusammengeschlagen worden war, beschloss das Ortskartell der Gewerkschaften eine Demonstration gegen den faschistischen Terror. Noch während der Arbeitszeit versammelten sich die Arbeiter vor


 

 


Das Torhaus, der frühere Eingang zum KL Fühlsbüttel (Kolafu). Auch die Elmshorner NS.Opfer müssten es passieren. Heute ist in dem Gebäude eine Gedenkstätte eingerichtet

den Toren der Betriebe und zogen zum Alten Markt und anschließend in einem Demonstrationszug mit 3500 Teilnehmern durch die Innenstadt. Abends fand eine Versammlung im „Carlstal“ statt.
Doch diese mutige Aktion kam zu spät und stand mit wenigen vergleichbaren Aktionen allein. Nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar setzte die massive Verfolgung zunächst der Kommunisten ein. Am 6. März besetzten die Nazis das Elmshorner Rathaus und die Polizeiwache und hissten die Hakenkreuzfahne. Trotzdem wurden in den Kommunalwahlen vom 12. März 1933 neben 9 Nazis noch 3 Deutschnationale, 6 Sozialdemokraten und 2 Kommunisten in das Elmshorner Rathaus gewählt. Die Mandate der Kommunisten erloschen jedoch sofort, die der Sozialdemokraten nach dem Verbot der SPD im Juni. Sie wurden alle von NSDAP-Funktionären übernommen.
Dem noch im Dezember 1932 zum Bürgermeister gewählten Fritz Petersen verweigerte die Landesregierung die Bestätig-ung und setzte am 21. März den hohen NSDAP-Funktionär Spieler aus Wesselburen in das Amt ein. Als erste Maßnahme ließ Spieler noch im März 31 Antifaschisten aus Elmshorn, Langelohe, Hainholz und Lieth in seinem Beisein verhaften, darunter die kommunistischen Abgeordneten Reinhold Jürgensen und Peter Hasenberg. Weil das Polizei- und Gerichtsgefängnis in der Schulstraße damit überfüllt waren, tat sich der neue Bürgermeister mit dem Vorschlag an den Oberpräsidenten hervor, ein Konzentrations-lager für Schleswig-Holstein zu schaffen Tatsächlich wurde einige Tage später ein KZ in der Landesarbeitsanstalt Glückstadt eingerichtet. Die Elmshorner Häftlinge wurden hier Anfang Mai eingeliefert, Mitte August brachte man dann 15 von ihnen in das KZ Kuhlen.(2)


Transportliste - Osttransporte

Am 8. April meldeten die „Elmshorner Nach-richten“ (EN) Hausdurchsuchungen in 60 Wohnungen. Mitte April besetzten SS-Leute erstmalig das Gewerkschaftshaus in der Schulstraße 58 und verbrannten Fahnen und Bilder. Am 2. Mai wurde es erneut gestürmt, die Gewerkschaften verboten und das Gewerkschaftseigentum beschlagnahmt. W. Bosse, der Vorsitzende des Metallarbeiterverbandes, hatte jedoch dafür gesorgt, dass den Nazis keine Mitgliederlisten oder Geld in die Hände fielen. Dafür wurde er zu einem Dreivierteljahr Gefängnis verurteilt.
Offener Widerstand war nach den Reichs-tagswahlen vom März 1933 so gut wie nicht mehr möglich. Auf eine Arbeit in der Illegalität war jedoch die SPD nicht vorbereitet. Im ersten halben Jahr nach der „Machtergreifung“ gab es zwar noch Zusammenkünfte in der Wohnung von Karl Dettmann, man sammelte Gelder für Inhaftierte und ihre Angehörigen und verteilte kleine Flugschriften aus Berlin, doch danach zerfiel die Organisation. Viele Sozialdemokraten hielten jedoch untereinander Kontakt und tauschten Informationen aus, einige beteiligten sich auch an den Widerstandsaktionen der KPD, die ihre Parteiorganisation in der Illegalität neu strukturiert hatte.

Am 10. Februar meldeten die EN die Verhaftung von drei Mitgliedern der verbotenen SAP; Friedrich Weinhold, Ernst Ladewig und Fritz Brose. Ihnen wurde u. a. vorgeworfen, die Widerstandsgruppe „Neue proletarische Kampffront“ gebildet und Flugblätter an Elmshorner Persönlichkeiten geschickt zu haben.
Am 18. April 1934 verhaftete die Polizei zirka 60 Mitglieder der verbotenen „Volkshilfe mit Bestattungsfürsorge“, einer Unterorganisation des Deutschen Freidenker-Verbandes. Vom 1. April 1934 bis zum 15. Juni 1934 wurden in Elmshorn 227 Personen wegen politischer Delikte in „Schutzhaft“ genommen. .
Die größte Verhaftungswelle in Elmshorn setzte jedoch im Oktober 1934 ein. In mehreren großen Razzien wurden vom 29. Oktober bis zum 21. Februar 1935 insgesamt 290 Männer und Frauen aus Elmshorn und Umgebung „wegen Vorbereitung zum Hochverrat resp. sonstiger politischer Umtriebe“ festgenommen. In den Prozessen gegen „Offenborn und andere“ wurde gegen 296 Widerstandskämpfer aus dem Kreis Pinneberg prozessiert. 261 Frauen und Männer wurden zu insgesamt 701 Jahren und 12 Monaten Freiheitsstrafe in Zuchthaus und Gefängnis verurteilt. Viele von ihnen wurden nach Abbüßung der Freiheitsstrafe in ein Konzentrationslager verschleppt.(3)


Das Gelände des KZ Hamburg-Fühlsbüttel

Widerstand artikulierte sich später auch in Form eines jugendlichen Nonkonformismus. So fand sich 1944 auch in Elmshorn eine Gruppe von Jugendlichen, die genug von Gleichschaltung und Drill hatten und der Marschmusik und den Durchhalteschnulzen das gemeinschaftliche Hören von Swing-Musik entgegensetzten.
Sie erregten Aufmerksamkeit durch abweichendes Äußeres und sie hörten den verbotenen Londoner Rundfunk. Als HJ-Mitglieder einem dieser Jugendlichen gewaltsam die Haare kürzten, kam es zu Prügeleien. Am 6. März 1944 wurden 13 Jugendliche vor dem Apollo-Kino festgenommen und inhaftiert, bis man sie zum „Volkssturm” einzog.
Gegen Kriegsende hatte der Sozialdemokrat Heinrich Arp, Inhaber der Butterschmelze am Bauerweg, Kontakt zu Widerstandskämpfern in Hamburg aufgenommen. Er traf sich mit Elmshorner Antifaschisten, um ein politisches Konzept für die Zeit nach dem Sturz der Nazidiktatur zu erarbeiten. Damit begann aber bereits das letzte Kapitel des Widerstandes, das der Selbstbefreiung Elmshorns.
 

Quellen:
Diese zusammenfassende Darstellung stützt sich im Wesentlichen auf Fritz Bringmann und Herbert Diercks: „Die Freiheit lebt! Antifaschistischer Widerstand und Naziterror in Elmshorn und Umgebung 1933-1945“. Frankfurt/M. 1983. Außerdem: Herbert Diercks: „Berichte von Widerstand und Verfolgung in Elmshorn 1933-1945“ in: Beiträge zur Elmshorner Geschichte Bd. 3, S. 29-44
1Vgl.: Bringmann / Diercks: „Die Freiheit lebt…, S. 17
2 Vgl.: Ebenda, S. 40 ff.
3 Vgl.: Ebenda, S. 70 ff.

 

 

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