Wo sind sie geblieben?
Wohin die Elmshorner Juden von den Nationalsozialisten
verschlept wurden.

     
Von Harald Kirschninck
 
 
Anders als bisher bekannt, sind von den Juden, die in Elmshorn geboren sind, zeitweise oder auch ständig lebten, nicht 21, sondern fast doppelt soviel, nämlich mindestens 39 Personen deportiert worden. Hiervon verschleppten die Nationalsozialisten nach:

Fuhlsbüttel: 1
Auschwitz: 6
Bergen-Belsen: 1
Trawniki: 1
Lodz (Litzmannstadt): 2
Minsk: 8
Riga: 3
und Theresienstadt: 12 Juden.


Fünf Deportationsziele sind unbekannt. Von den Verschleppten hat keiner die Deportation überlebt, bis auf John Hasenberg. Er überlebte das KZ Bergen-Belsen, wurde befreit und starb im Zug auf der Fahrt in die Schweiz an den Folgen der Misshandlungen und an Entkräftung. Wie sahen diese Lager und Vernichtungsstätten aus, wo lagen sie und wie sind sie entstanden?


Im Güterwagen wurden die Juden in die Lager verschleppt.


Trawniki

Elmshorner Opfer:
Hermann Blumenfeldt, geb. am 30.3.1872 in Elmshorn, deportiert 28.3.1942, gest. 1942.

Das Dorf Trawniki liegt etwa 40 km östlich von Lublin. Auf dem Gelände einer alten Zuckerfabrik errichteten die Nationalsozialsten im Herbst 1941 ein Zwangsarbeitslager, dem ein SS-Ausbildungslager für angehende Wachmannschaften für die Lager und die Deportationen von Juden angeschlossen wurde. Diese aus Letten, Esten, Litauern und Ukrainern bestehenden Freiwilligen nannte die SS und die örtliche Bevölkerung auch „Trawnikis“ oder „Hiwis“ (Hilfswillige). Seit Oktober 1941 unterstand das Lager dem SS-Sturmbannführer Karl Streibel. (http://www.deathcamps.org/occupation/
trawniki_de.html)

Im Frühjahr 1942 wurden Juden aus Deutschland, Österreich und der Tschecho-slowakei nach Trawniki deportiert, unter ihnen der Elmshorner Hermann Blumenfeldt. Viele von ihnen starben an Hunger und Krankheiten, die Überlebenden wurden in das Vernichtungslager Belzec gebracht oder in der Umgebung erschossen. Nach dem Aufstand in Sobibor am 14. Oktober 1943 befahl Heinrich Himmler, alle Arbeitslager im Distrikt Lublin zu liquidieren. Die nun folgende Vernichtung wurde „Aktion Erntefest“ genannt. Am 3. November 1943 liquidierte die SS das Lager Trawniki. 10.000 Juden wurden aus dem Lager getrieben und in vorher ausgehobenen Gruben erschossen. Vermutlich ist Hermann Blumenfeldt aber nie in Trawniki angekommen:

„Im Verlauf der Deportationen in den Distrikt Lublin ab März 1942 wurde kein einziger „Judentransport“ aus dem Reich in Trawniki untergebracht. (…) Allerdings zeigt die Darstellung der einzelnen Transporte, dass der Stab des Lubliner SS- und Polizeiführers (Anm. Verf.: Odilo Globocnik) die Züge mit Juden aus dem „Großdeutschen Reich“ zwischen Mitte März und Mitte Juni 1942 in die – zumeist nicht weit von Trawniki entfernt gelegenen Ortschaften Izbica (…), Piaski (…), Rejowiec (...), Zamosc (…) und in andere Dörfer des Lubliner Distrikts leitete.“ (Gottwaldt/Schulte, Judendeportationen, S. 137ff) Die Ermordung fand dann zumeist im Vernichtungslager Belzec statt.


Bergen-Belsen

Elmshorner Opfer:
John Hasenberg, geb. am 8.10.1882 in Elmshorn, deportiert am 23.6.1943, gestorben am 23.1.1945 im Eisenbahnzug in Laupheim (Biberach).
Das KZ Bergen-Belsen lag etwa 60 km nordöstlich von Hannover in der Lüneburger Heide. Im Jahr 1940 wurde von der deutschen Wehrmacht ein Kriegsgefangenenlager für französische und belgische Soldaten eingerichtet. Seit Juli 1941 wurden dort auch etwa 20.000 sowjetische Kriegsgefangene interniert, von denen bis zum Frühjahr 1942 rund 14000 Gefangene an Hunger, Kälte und Krankheiten (Fleckfieber) starben.

Im April 1943 wurde ein Teil des Lagers von der SS zu einem KZ für Juden, vor allem ausländischer Nationalität umgewandelt. Diese sollten gegen Devisen oder auch gegen im Ausland festgesetzte Deutsche ausgetauscht werden. Daher nannte man das KZ auch „Aufenthaltslager Bergen-Belsen der Waffen-SS“. Seit Juni/Juli 1943 wurden die ersten KZ-Häftlinge nach Bergen-Belsen deportiert.
Der vorgesehene Personenkreis wurde in den „Richtlinien des Reichssicherheitshauptamtes“ wie folgt beschrieben:

Juden mit verwandtschaftlichen oder
sonstigen Beziehungen zu einflussreichen
Personen im feindlichen Ausland, unter Zugrundelegung eines günstigen Schlüssels für einen Austausch gegen im feindlichen Ausland internierte oder gefangene Reichsangehörige in Frage kommende Juden,
als Geiseln und als politisch oder wirtschaftliche Druckmittel „brauchbare“ Juden, Jüdische Spitzenfunktionäre.


Das „Aufenthaltslager“ war in mehrere Ab-teilungen aufgegliedert, die streng von einander isoliert waren:
a) das „Sternlager“ mit Arbeitszwang und
a) sehr schlechter Verpflegung. Die
a) Gefangenen mussten einen Judenstern
a) tragen.
b) das „Neutralenlager“ mit Juden aus neu-
b) tralen Staaten. Hier gab es keinen
b) Arbeitszwang, und die Verpflegung war
b) etwas besser.
c) das „Sonderlager“ mit polnischen Juden,
c) die Ausweise von verschiedenen
c) Ländern besaßen.

“Die Zustände im Lager waren wirklich unbeschreiblich; kein Bericht und keine Fotografie kann den grauenhaften Anblick des Lagergeländes hinreichend wiedergeben; die furchtbaren Bilder im Innern der Baracken waren noch viel schrecklicher. An zahlreichen Stellen des Lagers waren die Leichen zu Stapeln von unterschiedlicher Höhe aufgeschichtet; einige dieser Leichenstapel befanden sich außerhalb des Stacheldrahtzaunes, andere innerhalb der Umzäunung zwischen den Baracken. Überall im Lager verstreut lagen verwesende menschliche Körper. Die Gräben der Kanalisation waren mit Leichen gefüllt, und in den Baracken selbst lagen zahllose Tote, manche sogar zusammen mit den Lebenden auf einer einzigen Bettstelle. In der Nähe des Krematoriums sah man Spuren von hastig gefüllten Massengräbern.


Häftlinge tragen die verstorbenen Kameraden aus den Baracken

Hinter dem letzten Lagerabteil befand sich eine offene Grube, halb mit Leichen gefüllt; man hatte gerade mit der Bestattungsarbeit begonnen. In einigen Baracken, aber nicht in vielen, waren Bettstellen vorhanden; sie waren überfüllt mit Gefangenen in allen Stadien der Auszehrung und der Krankheit. In keiner der Baracken war genügend Platz, um sich in voller Länge hinlegen zu können. In den Blocks, die am stärksten überfüllt waren, lebten 600 bis 1.000 Menschen auf einem Raum, der normalerweise nur für hundert Platz geboten hätte. In einem Block des Frauenlagers, in welchem die Fleckfieber- kranken untergebracht waren, gab es keine Betten. Die Frauen lagen auf dem Boden und waren so schwach, dass sie sich kaum bewegen konnten. Es gab praktisch keine Bettwäsche. Nur für einen Teil dieser Menschen waren dünne Matratzen vorhanden, die Mehrzahl aber besaß keine. Einige hatten Decken, andere nicht. Manche verfügten über keinerlei Kleidung und hüllten sich in Decken, andere wiederum besaßen deutsche Krankenhauskleidung. Das war das allgemeine Bild.”
(http://www.bergenbelsen.niedersachsen.de/
pdf/zurgeschichte.pdf). Allein zwischen Januar und April 1945 starben in Bergen-Belsen 35.000 Menschen. Am 15.April 1945 wurde das Lager durch die britische Armee befreit.


Der KZ-Arzt Fritz Klein in einem Massengrab im KZ Bergen-Belsen nach dessen Befreiung im April 1945



Lodz (Litzmannstadt)

Elmshorner Opfer:
Änne Rosenberg, geb. 29.10.1894 in Elmshorn, deportiert 25.10.1941 nach Litzmannstadt, weiter am 8.11.1941 nach Minsk, sowie ihr Bruder
Julius Rosenberg, geb. 29.8.1884 in Elmshorn, deportiert 25.10.1941 nach Litzmannstadt, weiter am 8.11.1941 nach Minsk.


Deportation von Lodz nach Chelmno

In Lodz wohnten zu Beginn des 2. Weltkrieges zirka 180.000 Juden. Am 11. April 1940 wurde die Stadt nach dem General Karl Litzmann (1850-1936), einem NS-Würdenträger, in Litzmannstadt umbenannt. Am 8. Februar 1940 wurden aus der Altstadt, dem Proletarierviertel Baluty und dem Vorort Marysin das Ghetto gebildet. Es bestand aus anfangs 4,13 Quadratkilometern mit insgesamt 28.400 Wohnräumen. Am 30. April 1940 wurde es endgültig von der Außenwelt isoliert. Das Gelände war nicht kanalisiert, es konnten daher auch keine Kontaktaufnahmen mit der übrigen Stadtbevölkerung stattfinden. Rund um das Ghettogelände waren Stacheldrahtsperren gezogen und im Abstand von maximal 100m Posten der Schutzpolizei aufgestellt, die jeden Juden, der das Ghetto verlassen wollte, ohne Vorwarnung erschießen durften.
Die tschechischen Überlebenden Vera Arn-steinnovà und Mája Randová berichteten:
„Fäkalien flossen den Bürgersteig entlang. Bei der Ankunft fanden wir Hinterhöfe vor, die voller Müll waren. Baluty bestand aus Stein- und Holzhäusern mit großen Höfen, die untereinander verbunden und völlig verwahrlost waren. Erst als eine Epidemie drohte und die Deutschen Angst vor Epidemien hatten, ließen sie den Müll wegräumen. Es drohten Cholera, Gelbsucht, Typhus. Für Mutters Kleider tauschten wir Waschschüsseln und Kübel ein, um existieren zu können. Laufend gingen aus dem Ghetto die ersten Transporte ab, und niemand wusste, wohin. Reihenweise starben die Menschen an Hunger und Krankheiten. Wir zogen in eine freigewordene Wohnung um – vier Personen in einem Zimmer mit zwei Pritschen. Tausende Wanzen, derer man nicht Herr wurde. (…) Wanzen, Flöhe, Kleiderläuse. Bei der Essensausgabe lange Schlangen, und man konnte beobachten, wie die Läuse von einem zum anderen sprangen. Die Läuse übertrugen Flecktyphus. Für die ausgehungerten und erschöpften Menschen war es schrecklich schwer, im Winter für tägliche Hygiene zu sorgen. Als wir ankamen, teilte man uns irgendeine Rübensuppe aus. Wir konnten sie nicht essen, aber die Einwohner bettelten darum. Bald haben auch wir sie geschluckt. Die ganzen Jahre war der Hunger im Ghetto am schlimmsten, vor Hunger starben Alte und Junge.“ (zit. nach: www.shoa.de)
Am 26. Oktober 1941 wurden die Geschwister Rosenberg mit dem Transport von 1063 Menschen aus Hamburg deportiert. Ob die Geschwister tatsächlich am 8. November 1941 nach Minsk weitertransportiert wurden oder nicht doch entweder im Ghetto oder im Vernichtungslager Chelmno in Gaswagen ermordet wurden, wie der größte Teil der 145.000 Opfer von Litzmannstadt, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Allein zwischen Dezember 1941 und Herbst 1942 sollen 85.000 Bewohner des Ghettos getötet worden sein. Am 17. Januar 1944 wurde Lodz befreit. Vorher sind bis auf kleine Reste alle Einwohner des Ghettos nach Auschwitz deportiert worden.
Theresienstadt (Terezin)
Elmshorner Opfer:
Minna Bachrach, geb. 11.1.1873 in Elmshorn, deportiert am 15.7.1942, gest. 7.8.1942
Rosa Goldschmidt, geb. Oppenheim, geb. 23.12.1868 in Elmshorn, dep. 15.7.1942, gest. 17.12.1942
Ferdinand Hertz, geb. 7.11.1861 in Elmshorn, dep. 15.7.1942, gest. 28.7.1942
Regine Hertz, geb. 25.4.1868 in Elmshorn, dep. 23.6.1943, gest. 31.10.1943
Emma Israel, geb. Oppenheim, geb. am 2.12.1858 in Elmshorn, dep. 19.7.1942, weiter nach Minsk, gest. 1942
Paula Israel, geb. 19.8.1892 in Elmshorn, dep. 19.7.1942, weiter nach Minsk, gest. 1942
Henriette Lippstadt, geb. Rothgiesser, geb. am 8.8.1872 in Hamburg, wohnte in Elmshorn, dep. 15.7.1942, gest. 15.11.1943
Lea Nemann, geb. am 15.5.1868, wohnte in Elmshorn, dep. vermutl. . Juli 1942, gest. 18.10.1942
Recha Oppenheim, geb. Gumpel-Fürst, geb. 13.2.1863 in Lübeck, wohnte in Elmshorn, dep. 19.7.1942, gest. 1942
Minni Petersen, geb. Hertz, geb. 23.6.1905 in Elmshorn, dep. 12.2.1945 !, überlebte und wurde befreit und am 19.6.1945 entlassen.
James Philipp, geb. 12.1.1872 in Elmshorn, dep. 9.6.1943, gestorben 18.10.1943
Johanna Simon, geb. Susmann, geb. 20.6.1864 in Elmshorn, dep. 19.7.1942, gestorben 8.2.1944.


Terezin (Theresienstadt)

Das Ghetto Theresienstadt (Terezin) lag im Nordwesten der Tschechischen Republik. Erstmals erwähnt wurde das Ghetto am 10. Oktober 1941. Zunächst sollten vor allem Juden aus Böhmen und Mähren über Theresienstadt nach Osten deportiert werden. Die Nationalsozialisten planten dann bei der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 ein Altersghetto, in das alle Reichsjuden über 65 Jahren, schwerkriegsbeschädigte Juden, ehemals jüdische Soldaten mit Kriegsauszeichnungen, Prominente und Juden aus anderen westeuropäischen Ländern deportiert werden sollten. Der Aufenthalt sollte nur vorübergehend sein, das Ziel waren die Vernichtungslager im Osten.


Eine zynische Warnung am Lagerzaun

Nachdem Dänemark mit ausländischem Druck den Verbleib seiner jüdischen Landsleute herausfinden wollte, gestatteten die Nationalsozialisten dem Internationalen Roten Kreuz im Juni 1944 Theresienstadt zu besuchen. Dazu war das Ghetto in den vorhergehenden Wochen und Monaten „verschönert“ worden. So wurden, um die Überbelegung des Lagers zu senken, die Transporte nach Auschwitz verstärkt. Die mit dieser Aktion transportierten Juden wurden zunächst in Auschwitz isoliert, damit sie eventuell bei einer Kontrolle des Roten Kreuzes präsentiert werden konnten. Nach der Aktion wurden sie ermordet. Als Krönung wurde noch der Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ gedreht. Die Darsteller wurden anschließend getötet. Ein Viertel der 140.000 Häftlinge starb durch die entsetzlichen Lebensumstände und Seuchen, etwa 90.000 wurden in die Vernichtungslager Auschwitz, Treblinka, Majdanek , Sobibor u.a. weiterdeportiert.
Zwei Wochen bevor die Rote Armee am 8. Mai 1945 das Lager erreichte, wurde es dem Roten Kreuz übergeben. (vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt)
 

Minsk

Elmshorner Opfer:
Heinrich Basch, geb. 27.3.1900 in Wien, deportiert 18.11.1941, verst. 1941
Hertha Basch, geb. 16.12.1900 in Hamburg, dep. 18.11.1941, verst. 1941
Jeanette Basch, 22.2.1872 in Hamburg, dep. 18.11.1941, gest. 1941
Otto Cohn, geb. 10.5.1898 in Elmshorn, dep. 8.11.1941, gest. 1941
Ilse Lippstadt, geb. 31.12.1905 in Elmshorn, dep. 18.11.1941, gest. 1941, auf dem Feld erschossen
John Löwenstein, geb. 23.10.1886 in Elmshorn, dep. 8.11.1941
Gustav Stern, geb. 27.3.1877 in Hannover, wohnte in Elmshorn, dep. 8.11.1941, gest. 1941
Friederike Stork, geb. Rosenberg, geb. 20.3.1883 in Elmshorn, dep. 8.11.1941, gest. 1941, war die Schwester von Änne und Julius Rosenberg (dep. nach Litzmannstadt)

Mit den zwei Transporten vom 8.11.1941 und 18.11.1941 wurden 1420 Juden aus Hamburg (darunter auch acht Elmshorner) nach Minsk deportiert. Dort hat man von dem ursprünglichen Ghetto ein abgetrenntes „Sonderghetto“ eingerichtet, in dem die Juden aus Deutschland untergebracht wurden. Innerhalb des „Sonderghettos“ wurden noch einmal je nach geographischer Herkunft der Deportierten drei Gruppen unterschieden. Vor

  Ankunft der Deportationszüge wurden vom 7.-11. November 1941 etwa 6000 weißrussische Juden im Wald von Blagowschtschina 13 km südöstlich von Minsk erschossen. Seit Mai


Tor der kleinen Festung in Terezin von Hans Weingartz

1942 waren die ausgehobenen 3m breiten und tiefen, 50 m langen Massengräber im Wald die zentrale Mord- und Hinrichtungsstätte der
deutschen Besatzer. Das größte Pogrom im Ghetto fand vom 28.-30. Juli 1942 statt, dem etwa 30.000 Juden zum Opfer fielen. Die Vorgehensweise war immer die gleiche:
Kommandos trieben die Menschen aus ihren Unterkünften zusammen. Dann wurden sie in Gruppen mit Lastwagen zu der Exekutionsstätte, in diesem Falle der Wald von Blagowschtschina oder Maly Trostenez transportiert. Hier hatten sich die Opfer vollkommen zu entkleiden, dann wurden sie zu der Grube getrieben. Je nach Länge des Massengrabes waren bis zu zwanzig Mann mit Pistolen an der Grube postiert, unterstützt von Mannschaften, die das Gelände umstellten und absicherten. Es wurden immer Pistolen benutzt. In der Regel bekam jeder der zwanzig Mann 25 Schuss bis zur nächsten Gruppe von Opfern. Die Juden wurden mit einem Genickschuss getötet und fielen in die Grube. Wenn der Verdacht aufkam, dass der Schuss nicht tödlich war, wurde erneut geschossen. Abschließend wurde mit einem Maschinengewehr so lange in die Grube geschossen, bis sich nichts mehr regte. Darüber hinaus wurde nicht mehr untersucht, ob alle gestorben waren. Es kam die nächste Gruppe an die Grube oder sie wurde zugeschüttet (vgl.: Mosel: Hamburg Deportation Transport to Minsk).
„Direkt vor der Massenerschießung hatten sich alle zu entkleiden und ihre Kleidung auf einen Haufen zu werfen. Zwei junge Frauen beobachteten eine ältere verwirrte Frau, die aufgeregt herumlief, keinen Versuch machte, sich zu entkleiden. Darauf gingen die zwei Frauen zu ihr, überredeten und entkleideten sie. Dann, ohne ein Wort des Protestes, nahmen die beiden jungen Frauen die älter Frau zwischen sich, jede hielt sie an einer Hand, und legten sich auf die noch warmen Körper der soeben Erschossenen, um ihren Tod zu erwarten. Weder sie noch andere baten die Mörder um Gnade.“ (Karl Löwenstein, Minsk im Lager der deutschen Juden. Löwenstein stammt aus Berlin und überlebte die Auflösung des Lagers und die Todesmärsche).


Lagerbaracke im KZ Ausschwitz

Neben den Massener-schießungen kamen auch drei Gaswagen zum Einsatz, große geschlossene Last-wagen, in die man Autoabgase einleitete, so dass die Menschen qualvoll starben (zitiert und übersetzt nach: Wilhelm Mosel: Hamburg Deportation Transport to Minsk).
Seit dem Pogrom befanden sich noch 9000 Juden im Ghetto. Der größte Teil von ihnen wurde bei der Auflösung am 21.10.1943 ermordet. Im Oktober 1943 wurden die 34 Massengräber wieder geöffnet und die 150.000 Leichen verbrannt, um Spuren zu beseitigen. Nach Auflösung des Lagers und den Todesmärschen waren nur noch 20 Juden aus Minsk am Leben.


Riga (KZ Jungfernhof)

Elmshorner Opfer:
Selma Levi, geb. Löwenstein, geb. 7.6.1883 in Elmshorn, dep. 6.12.1941, gest. 1941.
Karl Löwenstein, geb. 17.8.1880 in Rehberg, wohnte in Elmshorn, dep. 6.12.1941, gest. 1941.
Günther Simon Valk, geb. 4.4.1921 in Altona, wohnte in Elmshorn, dep. (vermutl. 6.12.) 1941, gest. 1941
Albert Hirsch, geb. 24.9.1878 in Mogilno, nach Zustellung des Deportationsbefehls für diesen Transport nahm er sich auf dem Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf am 1.12.1941 das Leben.
Am 6. Dezember 1941 verließ ein Deportationszug um 0:11 Uhr den Hannoverschen Bahnhof in Hamburg. Im Zug waren 753 Juden, darunter drei Personen aus Elmshorn und der Oberrabbi-ner Joseph Carlebach mit seiner Familie aus Hamburg. Nach Erhalt der Deportations-bescheide verübten 13 Juden Selbstmord, darunter auch Albert Hirsch. Das Ziel des Zuges war Riga in Litauen, das er am 9.12.1941 erreichte. Die Opfer dieses Transportes wurden in das Konzentrations-lager Jungfernhof, drei Kilometer südlich des Bahnhofes, getrieben, bei Temperaturen unter 40 Grad. Sofern die Elmshorner nicht gleich bei der Ankunft erschossen wurden oder im Lager an Hunger oder Krankheiten und Misshandlungen starben, sind sie wahrscheinlich bei der „Aktion Dünamünde“ am 26.3.1942 ermordet worden, wo der Haupt-teil des Hamburger Transportes getötet worden ist. Ein Überlebender aus Hamburg berichtete: “Lager-Kommandant Seck befahl dem Lagerältesten Kleemann , er solle eine Liste der auszusondernden Juden erstellen. Seck selbst benannte 440 Juden, die in Jungfernhof bleiben sollten. Dieses waren gesunde, starke Leute, die man gut in der Landwirtschaft einsetzen konnte und Juden, die spezielle Fähigkeiten und Berufe aufweisen konnten. Ausgesondert wurden:

- Alte und Kranke
- Kinder unter 14 bis 14 Jahren mit ihren
- Müttern
- Juden über 46-50 Jahren, die nicht voll
- arbeiten konnten.

Insgesamt waren es 3000 Leute. Ihnen wurde erzählt, sie würden nach Dünamünde gebracht werden, wo sie bessere Lebensbedingungen und leichtere Arbeit in einer Konservenfabrik erhalten sollten. Am 26.März 1942 wurden diese mit Bussen und Lastkraftwagen abtransportiert. Das gesamte Gepäck sollten sie zurücklassen.

Es war ein Shuttle-System eingerichtet worden, bis alle weggefahren worden sind. Die Busse und LKW kamen immer nach 15 bis 20 Minuten leer zurück. Die Opfer wurden in den Wald von Bikerneiki in der Nähe von Riga gefahren, wo Arbeitskommandos große Gruben ausgehoben hatten. Dort wurden alle erschossen. Hier kam auch Oberrabbiner Carlebach ums Leben. Eine Einwohnerin berichtete: „Mein Haus ist ungefähr 1 bis 1,5 km vom Wald entfernt. Ich konnte daher sehen, wie die Leute in den Wald gebracht wurden und konnte hören, wie man sie erschoss. (…) Es war am Karfreitag und Ostersonnabend 1942. Die Leute wurden mit Bussen und grauen Fahrzeugen gebracht (…) Allein am Freitag zählte ich 41 Busse bis 12. (…) Tag und Nacht hörten ich und andere Einwohner die Schüsse von Gewehren und automatischen Waffen. (…) Am Ostersonntag war alles ruhig.(…) Wie viele andere gingen ich und meine Familie in den Wald. (…) Unter den vielen Gräbern sahen wir ein offenes Grab mit erschossenen Leichen. Die Körper lagen durcheinander, nur leicht angezogen oder in Unterwäsche. Es waren Körper von Frauen und Kindern. Die Körper zeigten Anzeichen von brutalen Misshandlungen und Quäler-eien, bevor sie erschossen wurden. Viele hatten Schnitte im Gesicht, Schwellungen an den Köpfen, einige mit abgetrennten Händen, ihre Augen herausgerissen oder ihre Bäuche aufgeschlitzt. Neben dem Grab waren Blutlachen, Haare, abgetrennte Finger, Gehirne, Knochen, Schuhe von Kindern und andere persönliche Gegen-stände… Ausländische Juden wurden also erschossen. Man konnte es an den verschiedenen zurückgelassenen Sachen erkennen. Neben beinahe jedem Grab waren Rück-stände eines Feuers. An den Feuerstellen und neben den Gräbern lagen verschiedene Dokumente, Fotografien und Ausweise. Aus diesen konnte man die Herkunft der Leute erkennen… Ich sah, dass sie aus Österreich, Ungarn, Deutschland und anderen Ländern kamen… Vor ihrer Flucht beseitigten die Faschisten alle Spuren. Im Sommer des gleichen Jahres öffneten sie die Gräber im Bikernieki-Wald, exhumierten die Körper und verbrannten sie.“ (zit. u. übersetzt nach: Wilhelm Mosel: Hamburg Deportation Transport to Riga.)

Das KZ Jungfernhof bestand als Judenlager bis Sommer 1942. Die meisten Arbeitskräfte wurden dann in das Ghetto von Riga gebracht, das am 2. November 1943 aufgelöst wurde. Ungefähr 20.000 Juden sind nach Riga deportiert worden. Im Herbst 1944 waren nur noch 30 Juden vom Hamburger Transport am Leben. Diese wurden auf die Todesmärsche Richtung Deutschland geschickt. (vgl. Prof. Dr. Wolfgang Scheffler: Zur Geschichte der Deportation jüdischer Bürger nach Riga 1941/1942. Vortrag anlässlich der Veranstaltung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. am 23. Mai 2000 zur Gründung des Riga-Komitees im Luise-Schröder-Saal des Berliner Rathauses).



Auschwitz (Auschwitz-Birkenau)

Elmshorner Opfer:
Martin Bachrach, geb. 26.11.1899, nach Augenzeugenberichten in Auschwitz ermordet.
Frieda Dieseldorff, geb. Sternberg, geb. am 16.1.1884 in Elmshorn, dep. 11.7.1942.
Moritz Meyers, geb. 20.1.1894 in Stadtlohn, wohnte in Elmshorn, dep. 11.7.1942.
Georg Rosenberg, geb. 9.6.1886 in Elmshorn, dep. 12.2.1943.
Elsa Stoppelmann, geb. Vogel, geb. 1.8.1877 in Bad Kreuznach, wohnte in Elmshorn , dep. nach Auschwitz mit Sohn:
Hans-Daniel Stoppelmann, geb. 30.10.1912 in Elmshorn, dep. nach Auschwitz.


KZ Birkenau Hauptgebaude

Das Konzentrationslager Auschwitz lag in der Kleinstadt Oswiecim (dt. Auschwitz), zirka 60 Kilometer von der polnischen Stadt Kraków (dt. Krakau) entfernt und bestand eigentlich aus drei Hauptlagern und ungefähr 40 Außenlagern. Die drei Hauptlager waren:
KZ Auschwitz I, das sogenannte Stammlager, ab Mai 1940, nach ersten Plänen als Durchgangslager, aber schon im Bau als KZ- und Arbeitslager eingerichtet. Der erste Häftlingstransport erreichte Auschwitz I am 20.5.1940. Bereits im März 1941 ordnete Himmler die Vergrößerung des Lagers an. Dies führte zu
KZ Auschwitz II – Birkenau, dem größten deutschen Vernichtungslager, drei Kilometer vom Stammlager entfernt und
KZ Auschwitz III-Monowitz im Ort Monowitz, zunächst unter der Bezeichnung BUNA-Lager, zeitweilig organisatorisch ein eigenständiges Arbeitslager für verschiedene Industrieansiedlungen, z.B. IG Farben.
Auschwitz-Birkenau wurde zu einem Symbol für den Holocaust. Es wurde zu einem Vernichtungslager mit insgesamt sechs Gaskammern und vier Krematorien. Unter unvorstellbar grausamen Bedingungen wurden hier die Hunderttausende von Men-schen, die nicht gleich an der berüchtigten Rampe aussortiert (selektiert) und sofort nach der Ankunft in den Gaskammern durch Zyklon B (Blausäuregas) vergast worden waren, gefangen gehalten, gefoltert, durch Zwangsarbeit, Erfrieren, Verhungern, Erschöpfung, medizinische Versuche, Exekutionen und letztendlich doch durch Vergasen getötet.


Das Lagergelände war durch einen doppelte Zaunreihe gesichert

Die meisten Opfer (nicht nur jüdische) kamen in Viehwaggons nach tagelangen Reisen in Auschwitz-Birkenau an. Meist fanden auf einer Verladerampe, zirka einen Kilometer vom Lagertor entfernt, die Selektionen durch die Lagerärzte statt, nur durch bloßen Augenschein, nicht durch Untersuchungen. Die „schwachen“ und nicht „Arbeitsfähigen“ , Mütter mit Kindern, alte Menschen, Kranke wurden gleich nach der Ankunft zur Gaskammer geführt, die anderen kamen zunächst ins Lager und mussten in den an das Lager angrenzenden Industriebetrieben arbeiten, wofür die Firmen eine kleine „Miete“ bezahlen mussten. Bei der Ankunft im Lager wurde den Opfern ihre Identität genommen, es wurde ihnen wie Vieh Nummern eintätowiert.

In Auschwitz-Birkenau vegetierten die Gefangenen in hölzernen oder gemauerten Baracken dahin. Die Konzeption dieser Baracken basierte auf einem Plan für Pferdeställe. Bis zu 800 Menschen waren in jeder Baracke eingepfercht, die für 52 Pferde gedacht war. Es gab nur wenige, dazu noch sehr primitive Toiletten und Waschgelegen-heiten. Tag und Nacht bestand Lebens-gefahr.

„Arbeit“ bedeutete unmenschliche Sklaven-arbeit in Fabriken, Minen, auf dem Land oder auf Baustellen. Sogar die schwersten Erdarbeiten mussten ohne ausreichendes Werkzeug verrichtet werden. Die stets hungrigen Arbeiter mussten im Laufschritt Ziegelsteine schleppen oder schwere Loren schieben. Jeder Versuch, sich etwas auszuruhen, hatte die Versetzung in eine Straf-kompanie zur Folge, evtl. auch die sofortige Erschießung. Angehörige dieser Strafkom-panien hatten kaum eine Überlebungs-
chance. Am frühen Morgen und nach der Arbeit mussten sich die Gefangenen auf den diversen Appellplätzen versammeln. Die Appelle dauerten manchmal stundenlang. Viele hielten das Strammstehen in der Sommerhitze oder bei Frost nicht aus, kippten um und wurden deswegen ins Gas geschickt.
Die tägliche Mahlzeit bestand aus einem Becher wässriger Rüben- oder Kohlsuppe, 300g Brot und etwas Schmalz oder Margarine. Selten „bereicherte“ ein 100g schweres Stück gepökeltes Schweinefleisch das Hungermahl. Als Folge der schweren Arbeit und der unzureichenden Versorgung mit Essen magerte man stark ab. Nach kurzer Zeit bestand der Körper nur noch aus Haut und Knochen …“ (http://www.deathcamps.org/occupation
/auschwitz_de.html)
Am 27. Januar 1945 erreichten und befreiten sowjetische Truppen das Lager und konnten noch 7650 Menschen befreien. Da nur die in den Lagern aufgenommenen und nicht die schon an der Rampe und bei der Selektion im Lager direkt in die Gaskammern geschickten Opfer gezählt wurden, ist man auf Schätzungen angewiesenen. Nach neuerer Forschung wurden allein in Au-schwitz zirka 1.100.000 Menschen ermordet, davon etwa 1.000.000 Juden, 70 bis 75.000 nichtjüdische Polen, 21.000 Roma, 15.000 sowjetische Kriegsgefangene und zirka 10 bis 15.000 Menschen sonstiger Herkunft. Neben den Opfern der hier aufgeführten Konzentrationslager gibt es noch weitere jüdische Opfer aus Elmshorn:


KL Fuhlsbüttel

später Gestapo-Gefängnis
Alfred Oppenheim, geb. 13.5.1897 in Elmshorn, 1942 verhaftet, gest. 6.4.1943.


Torhaus KL Fuhlsbüttel

Unbekannte Todesorte:

Julius Dreiblatt, geb. 2.1.1890 in Hamburg, Verbleib unbekannt
John Ely, geb. 9.8. 1873 in Elmshorn, gest. in Polen
Olga Ely, geb. Lippstadt, geb. 14.2.1875 in Elmshorn, Verbleib unbekannt
Walter Ely, geb. 8.8.1903 in Elmshorn, gest. angebl. In Lodz
Franz Goldschmidt, geb. am 7.3.1904 in Elmshorn, 1942 dep. mit Frau Reine und Tochter Leah.


 


Literatur und Quellen:
Gillis-Carlebach (Hrsg.): Memorbuch zum Gedenken an die jüdischen, in der Shoah umgekommenen Schleswig-Holsteiner und Schleswig-Holsteinerinnen. Hamburg 1996.
Kirschninck, Harald: Datei der jüdische Einwohner Elmshorns 1685-1945
Kirschninck, Harald: Die Geschichte der Juden in Elmshorn. 1918-1945. Band 2. Norderstedt 2005.
Kirschninck, Harald: Interviews mit Heinz Hirsch, Rudolf Baum (verst.), Rudolf Oppenheim und Anna Lötje, geb. Lippstadt (verst.)
Kirschninck, Harald: Juden in Elmshorn, Teil 1: Diskriminierung. Verfolgung. Vernichtung, Elmshorn 1996. (Beiträge zur Elmshorner Geschichte Band 9).
Kirschninck, Harald: „Wer beim Juden kauft, ist ein Volksverräter!“ Der Untergang der jüdischen Gemeinde Elmshorn. In: Gerhard Paul / Miriam Carlebach (Hrsg.): Menora und Hakenkreuz. Zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein, Lübeck und Altona 1918 – 1998. Neumünster 1998. S. 283 – 296.
Mosel, Wilhelm: Hamburg Deportation Transport to Riga
Mosel, Wilhelm: Hamburg Deportation Transport to Minsk
Scheffler, Prof. Dr. Wolfgang: Zur Geschichte der Deportation jüdischer Bürger nach Riga 1941/1942. Vortrag anlässlich der Veranstaltung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. am 23. Mai 2000 zur Gründung des Riga-Komitees im Luise-Schröder-Saal des Berliner Rathauses.



 

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