Jehovas Zeugen in
Schleswig-Holstein 1933 - 1945

     
Von Jörn Puttkammer  
In Deutschland blickt die Religionsgemein-schaft Jehovas Zeugen auf eine mehr als 100-jährige Geschichte zurück, in Schleswig-Holstein gibt es seit über 90 Jahren Zeugen Jehovas (vor 1931 „Bibelforscher“). Besonders in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts erfuhren die Gemeinden und Bibelstudiengruppen der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung (IBV) einen regen Zulauf. Dazu zählten die größeren Ortsversammlungen in Kiel, Lübeck und Flensburg sowie kleinere Gruppen, zum Beispiel in Kellinghusen und Elmshorn. Die Gläubigen trafen sich regelmäßig zum Studium der Bibel und widmeten sich eifrig der Missionstätigkeit. Interessierte Personen wurden zu den gemeinsamen Bibelstudien eingeladen.

  Besonders nach Wiederaufnahme der organisierten Verkündigungstätigkeit im Oktober 1934 musste die für Schleswig-Holstein zuständige Staatspolizeistelle in Altona feststellen, dass es den Zeugen Jehovas gelungen war, ihren „organisatorischen Zusammenhalt“ aufrechtzuerhalten. Nunmehr mussten „Schutzhaftmaßnahmen“ eingesetzt werden, um die „staatsfeindliche Tätigkeit“ der Bibelforscher zu unterbinden. Während zu diesem Zeitpunkt die zuständigen Sondergerichte (SG Altona und Kiel für Schleswig-Holstein) nicht immer im Sinne der Machthaber entschieden hatten, wollte man sicher gehen, den Bibelforscheraktiv-täten einen Riegel vorgeschoben zu haben.
 

Das verteilen der Resolution ahndeten die Nazis mit harten Strafen
 

In Kellinghusen kamen bis zu 40 Personen zusammen, wobei nur sechs von ihnen aktive Zeugen Jehovas waren. Die gottesdienstlichen Zusammenkünfte fanden entweder in eigenen oder in angemieteten Räumlichkeiten statt. Sogar eine audio-visuelle Vorführung wurde genutzt, das „Photo-Drama der Schöpfung“, das an den Vorführorten wie Kiel auf großes Interesse der Öffentlichkeit stieß.
In den Jahren der wirtschaftlichen Depression nach dem Ersten Weltkrieg interessierten sich viele für die Botschaft der Bibelforscher vom Reich Gottes als der einzigen Hoffnung der bedrängten Menschheit, das das Friedensreich Christi, das „Goldene Zeitalter“, herbeiführen würde. („Das Goldene Zeitalter“ war auch der Titel einer für ihre Missionstätigkeit genutzten Zeitschrift, heute „Erwachet!“.) So wird es in Schleswig-Holstein bei der „Machtüber-nahme“ der Nationalsozialisten ca. 700 Zeugen Jehovas und zusätzlich einige Hundert Leser ihrer Schriften gegeben haben.

Den Nationalsozialisten waren die Zeugen Jehovas ein Dorn im Auge. Sie sahen die christliche Gemeinschaft als Teil einer „jüdisch-bolschewistischen“ Verschwörung mit dem Ziel, eine „unumschränkte Herrschaft des Judentums“ zu errichten (Schleswig-Holsteinische Tageszeitung vom 30.6.1933). Insbesondere deren Verweigerungshaltung gegenüber der NS-Ideologie rief die Verfolgungsorgane auf den Plan. Die Zeugen verweigerten den Hitlergruß mit dem Hinweis, dass nach der Bibel das „Heil“ allein in Christus zu suchen sei. Sie verweigerten die Teilnahme an Wahlen, die Mitgliedschaft in den verschiedenen NS-Organisationen, den Eid auf den Führer und die Rassenlehre der Nationalsozialisten. Viele setzten ihre Missionstätigkeit trotz des bereits im Sommer 1933 erlassenen Verbotes fort. Sie betrieben nach Lesart der politischen Machthaber damit „Hetze“ und „kulturbolschewistische Zersetzungsarbeit“.

Die Machthaber suchten nun, die im Untergrund bestehende religiöse Organisation der Zeugen Jehovas zu zerstören, lösten verbotene Zusammenkünfte auf und beschlagnahmten ihre Literatur. Alleine in Friedrichstadt wurden 600 Broschüren, 900 Zeitschriften sowie 1400 Flugblätter und Traktate beschlagnahmt. Gleichzeitig sollte ihnen die wirtschaftliche Existenzgrundlage entzogen werden. Beamte wurden aus dem Staatsdienst entlassen, da ihre Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas die „Dienstpflicht“ verletze.
  Die Justiz urteilte im Weiteren auf der Linie der Nationalsozialisten: Verfahren gegen insgesamt 544 Angeklagte vor den beiden Sondergerichten endeten lediglich in weniger als 20 Prozent der Fälle mit einem Freispruch bzw. mit Einstellung des Verfahrens. Etwa ein Drittel erhielt eine Geldstrafe, während mehr als die Hälfte der Zeugen Jehovas mit Gefängnisstrafen mit bis zu vier Jahren bestraft wurden. Eine Reihe von ihnen wurde nach Haftentlassung von der Gestapo direkt in ein Konzentrationslager überstellt, wo eine Anzahl zu Tode kam.

Im Dezember 1936 und im Juni 1937 beteiligten sich auch die Zeugen Jehovas in Schleswig-Holstein an den beiden reichsweiten Flugblattaktionen der Religionsgemeinschaft. Die Flugblätter „Resolution“ und „Offener Brief“ wurden in Briefkästen gesteckt bzw. gezielt mit der Post versandt. Keine andere Widerstandsorganisation habe während der gesamten NS-Zeit eine „vergleichbare Initiative“ durchgeführt, so die Lübecker Historikerin Elke Imberger. In den Flugblättern wurde die grausame Verfolgung der Zeugen Jehovas in Deutschland angeprangert.

Die Gestapo reagierte wütend. Es kam zu Massenverhaftungen von Zeugen Jehovas, was unter anderem dazu führte, dass die Frauenabteilung des Gefängnisses in Neumünster völlig überfüllt war. Im Jahre 1938 waren 81,5 Prozent der Angeklagten vor dem schleswig-holsteinischen Sonder-gericht Zeugen Jehovas. Die religiöse Unter-grundorganisation der Zeugen Jehovas in Schleswig-Holstein, einschließlich der heimlischen Druckaktivitäten und des Literatur-versands, waren zerschlagen worden. In den folgenden Jahren führten einzelne Zeugen individuell ihre Glaubensaktivitäten gemäß ihren Möglichkeiten fort.

Männer im wehrfähigen Alter waren ab 1935 mit der Frage konfrontiert, dem Einberuf-ungsbescheid für die Wehrmacht Folge zu leisten. Stellvertretend sei der Fall des
39-jährigen Zeugen Jehovas Rolf Appel aus Süderbrarup genannt, der am 11.10.1941 hingerichtet wurde. Er war einer der rund 270 christlichen Märtyrer der Glaubensge-meinschaft, die wegen Kriegsdienstverweig-erung ihr Leben lassen mussten.
Heute gibt es in jedem größeren Ort Schleswig-Holsteins Gemeinden der Zeugen Jehovas, die ihr Predigen des Evangeliums vom „Königreich Gottes“, unter anderem auch in Sprachen wie Englisch, Russisch oder Chinesisch, fortsetzen.

 

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