„Ein sich ausbreitendes Kunstwerk von unten im öffentlichen Raum, das ohne die Initiative von Menschen nicht wachsen und geschützt werden kann“ (Gunter Demnig)
 

 

Aktionskunst......
"Stolpersteine in Elmshorn -  Gegen das Vergessen"........
schafft Verbindungen
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Mit dem 15. April 2008 legt der Kölner Künstler Gunter Demnig zum zweiten Mal in Elmshorn Spuren. Wir sind damit Teil dieser - ja - europäischen „Kunstaktion Stolpersteine“ gegen das Vergessen der Opfer des Faschismus.

Anläufe, sich an diesem Kunstwerk zu beteiligen, gab es in der Vergangenheit schon durch den Antifaschistischen Trägerkreis mit einem Schreiben an die Schulen sowie durch praktische Überlegungen im Kulturausschuss. Der Durchbruch kam dann während der Eröffnung der Ausstellung des Stadtarchivs zum 27. Januar 2006 über den Offenborn-Prozess – der Prozess, bei dem Ende 1934 220 Männer und Frauen aus dem politischen Widerstand von den Nazis verhaftet und insgesamt zu 702 Jahren Zuchthaus und Gefängnis verurteilt wurden. Bert C. Biehl, Redakteur der Elmshorner Nachrichten, machte in einem Gespräch Mut mit dem Vorschlag, über einen erneuten Anlauf zu berichten und die Aktion zu begleiten.

Wir konnten somit im September 2006 zur Bildung einer Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine für Elmshorn in die Räume des Deutschen Gewerkschaftsbundes einladen und uns auf eine Begleitung durch die örtliche Zeitung stützen. Unser Kreis war und ist ein überparteilicher, konfessions- und organisationsübergreifender öffentlicher Arbeitszusammenhang. Weil Bürgermeisterin Dr. Brigitte Fronzek von Anfang an teilnahm, war auch die notwendige Zusammenarbeit mit der Verwaltung bei der Umsetzung der Aktion Stolpersteine gewährleistet.

Durch mehrere regionalgeschichtliche Arbeiten wie das Buch „Die Freiheit lebt“ von Fritz Bringmann und Herbert Diercks sowie die Beiträge zur Elmshorner Geschichte – und hier insbesondere durch die Bände zur Geschichte der jüdischen Gemeinde von Harald Kirschninck – gab es einen Überblick über Namen von Opfern des Faschismus in Elmshorn. Dieser war aber nicht umfassend und schon gar nicht erschöpfend. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stadtarchivs und des Industriemuseums waren Ansprechpartner und beteiligten sich an der Recherche. Wir stellten im Laufe der Vorbereitungen fest, dass es für Elmshorn fast keine Aufarbeitung der Verbrechen der sogenannten „Euthanasie“ – ein gezieltes Mordprogramm der Nazis an den Behinderten – gibt. Eine Veranstaltung mit dem Hamburger Historiker Dr. Harald Jenner kam zu dem Ergebnis, dass es Hinweise auf vier Opfer aus dieser Stadt im Bundesarchiv in Berlin gibt. Eine dafür eingerichtete Arbeitsgruppe fand dann in Eigenrecherche erst konkrete Angaben.
Die Arbeitsgemeinschaft konnte sich auch auf private Untersuchungen stützen, wie die Vereinschronik des AC Einigkeit von Jens Gatzenmeier, die Ahnenforschung von Jürgen Wohlenberg und die Recherchen von Jörn Puttkammer, Vertreter der NS-Opfergruppe der Zeugen Jehovas. Christel Patzak lieferte durch ihre Arbeit im Industriemuseum und in der Frauengeschichtswerkstatt notwendige Informationen.

Die Menschen, an die wir erinnern, gehörten sehr verschiedenen gesellschaftlichen Kreisen an, die das NS-Regime zu vernichten suchte. Die Rassen- und Vernichtungsideologie der Nazis traf in Elmshorn Gewerkschafter wie Heinrich Kastning, Kommunisten und antifaschistische Widerstandskämpfer wie Reinhold und Richard Jürgensen, genauso wie den Arbeitersportler Max Maack. Sie vernichtete Mitglieder der jüdischen Gemeinde wie John Hasenberg, Albert Hirsch, und Mitglieder der Familie Löwenstein, namentlich Karl und John, sowie Selma Levi/geb. Löwenstein, genauso wie Georg Rosenberg und Hans Daniel Stoppelmann. Den Verbrechen der Nazis an Behinderten fiel u. a. Heinrich Sibbert in Elmshorn zum Opfer. Stanislaus Pade, ein polnischer Staatsbürger, zur Zwangsarbeit hierher verschleppt, wurde in jungen Jahren von den Schergen der braunen Machthaber erhängt. Unter den Opfern war auch Max Andreas Hahn, Mitglied der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas. Die Opfer waren Arbeiter, Handwerker, Händler und Fabrikbesitzer. Hier wurde die Ideologie der „Volksgemeinschaft“ Realität, die von den Nazis gezogene Schneise der Vernichtung zog sich quer durch die sozialen Schichten.

Das Schicksal der bisher geehrten Opfer wurde in einer Serie in den Elmshorner Nachrichten dokumentiert. Diese schuf eine gute Grundlage für die weitergehende Dokumentation der Biografien, wie sie mit diesem Buch nun vorliegt.

Nach der ersten Verlegung von sieben Stolpersteinen wuchs das Interesse an der Mitarbeit und Unterstützung. „Ein sich ausbreitendes Kunstwerk von unten im öffentlichen Raum, das ohne die Initiative von Menschen nicht wachsen und geschützt werden kann“, wie es der Künstler selber kennzeichnet, schafft durch die Übernahme von Patenschaften für die Stolpersteine Verbindungen. Patenschaften nehmen in Elmshorn ganz unterschiedliche Einwohnerinnen und Einwohner wahr: Verbände wie die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten,  kirchliche und öffentliche Einrichtungen wie die jüdische Gemeinde und die evangelisch-freikirchliche Gemeinde, Privatpersonen,
 
  Parteien wie der SPD-Ortsverein, die WGE/DIE GRÜNEN und die DKP Elmshorn, Arbeitskreise wie die Frauengeschichtswerkstatt am Industriemuseum, Schulen und Schulklassen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern.
Gerade die Beteiligung von Schülerinnen und Schülern der Kooperativen Gesamtschule, der Elsa-Brandström-Schule und der Bismarck-Schule führt zu einer weiteren Verankerung dieser Aktion im gesellschaftlichen Leben. Sie suchen nicht nur in den Archiven und im Internet, sondern gestalten zusammen mit der Chansonsängerin Anna Haentjens die kulturelle Umrahmung der zweiten Verlegung. Wir hoffen, diese Herausforderung wird auch von weiteren Elmshorner Schulen angenommen. Ist doch selbst für viele heutige Eltern der Terror im „Dritten Reich“ nur ein weiteres weit entferntes und zu lernendes Ereignis aus den Geschichtsbüchern.

Aber vielleicht ist es ja gerade dies, was dieses Kunstwerk herausfordert: „Der Tote packt den Lebenden“, um es mit dem französischen Sozialphilosophen Pierre Bourdieu zu sagen, „objektivierte Geschichte wird nur dann geschichtliche Aktion, aktive Geschichte, wenn sie von Akteuren aufgenommen wird, deren eigene Geschichte sie dafür empfänglich macht, und die aufgrund früherer Investitionen bereit sind, sich überhaupt für ihr Funktionieren zu interessieren“.
Elmshorn hat sicher durch seine Geschichte – als Industrie- und Handelsort, mit seiner starken Arbeiterbewegung und einer existierenden jüdischen Gemeinde – mehr Opfer des Faschismus zu beklagen als andere Orte im Kreis Pinneberg. Geschichte wird aber auch hier nur aktive und lebendige Geschichte, wenn sich die nachfolgenden Generationen für ihr Funktionieren interessieren.
Viktor Andersen, Sozialdemokrat aus Uetersen und späterer Stadtjugendpfleger, an den heute noch die Namensgebung der Bildungsstätte des Kreisjugendringes in Barmstedt erinnert, konnte noch als Zeitzeuge vor 13 Jahren erzählen, wie drastisch die Verhörmethoden im KZ Hamburg-Fuhlsbüttel waren. Es war die Stätte, an der Reinhold Jürgensen als erstes Elmshorner Opfer der Naziherrschaft ermordet wurde. Viktor Andersen berichtete aber auch, wie man sich unter den Haftbedingungen zu schützen versuchte. In Fuhlsbüttel entfernten einige Häftlinge, darunter auch er, Deckel der Lüftungen, und mit Bindfäden wurden Nachrichten von Stockwerk zu Stockwerk rauf- und runtergelassen. Über Mittelsmänner und Essenholer wurde durchgegeben, wer am nächsten Tag verhört werden sollte und was ausgesagt worden war.
Warum das hier erwähnt wird, hat folgenden Grund: Hier wird deutlich, dass Verständigung – sicherlich unter den Bedingungen der Verfolgung – möglich war. „Verständigungsorientiertes kommunikatives Handeln“ lässt den Mitmenschen eben nicht außer Acht. Es ist dem so genannten „strategisch kommunikativ erfolgsorientierten Handeln“ (gemeint sind hier Handlungen, die den privaten Vorteil zum Motiv erheben und durch die die offenen und verborgenen Mechanismen von Macht gesellschaftlich durchgreifen) diametral entgegengesetzt. Folgt man dem Philosophen Jürgen Habermas in dieser Begrifflichkeit, so fördert die Aktion Stolpersteine verständigungsorientiertes kommunikatives Handeln und schafft Verbindungen. Verbindungen von Menschen, die die Opferperspektive einnehmen.

Aktionskunst, um noch einmal Pierre Bourdieu im Gespräch mit dem Künstler Hans Haacke zu bemühen: Aktionskunst provoziert aber auch das Gespräch, regt das Publikum zur Teilnahme an, setzt eine Kette von Diskursen in Gang, in deren Verlauf die kritische Vernunft zu Wort kommt. Nach der Kontroverse im Kulturausschuss im Vorfeld der ersten Verlegung wurde im Ergebnis festgestellt, dass alle hier im Kollegium vertretenen Parteien die Aktion Stolpersteine unterstützen.

In einem kunstkritischen Beitrag zu „Kunst in Bewegung“ heißt es sinngemäß: Nicht nur die Kunst ist zunehmend in Bewegung geraten, sondern auch der Künstler. Seit dem Actionpainting eines Jackson Pollock kommt dem Herstellungsprozess ein ähnlicher Stellenwert zu.
Die Steinverlegung selbst ist ein bewegender Moment, der an eine Beerdigung erinnert: Menschen stehen in Gedenken um eine Ausschachtung. Der Stein mit dem Namen wird eingelassen und eingeebnet. Es ist für viele, die mit der Aktion Stolpersteine gewürdigt werden, oft nicht einmal eine zweite Beerdigung. Für sie blieb bisher nur das kollektive Gedächtnis der Geschichte.
Nicht zuletzt ist auch der Betrachter in der Aktionskunst selbst aktiviert worden. An die Stelle einer passiven Haltung ist die reale Bewegung getreten, zu deren Erfahrung eine explorative Dauer gehört. Bei der Aktion Stolpersteine sind die bisher Beteiligten vor Ort daher „Teil des Kunstwerkes“ ohne „deren Initiative“ dasselbe „nicht wachsen und geschützt werden kann“. Sie werden anschließend – und in diesem Sinne für die Zukunft nicht abschließend – genannt. Denn weitere Teilnahme ist ausdrücklich erwünscht und herausgefordert.
 

Rudi Arendt, 12.02.08

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 www.stolpersteine-elmshorn.de